Veronika Erhart

 

Es hat in der Kunst immer auch eine Sehnsucht gegeben nach der Weisheit des scheinbar Einfachen und Klaren. Diese Asketen der Form und der Farbe hat es immer gegeben. Die stillen, die strengen Mysterien der Mathematik zelebrierenden Verächter der orgiastischen Entgleisung sind eine Art Mönchsorden.

Ihre Regeln kommen aus der Spannungsgesetzen der Geometrie, aus der symbolischen Sprachkraft des Zeichenhaften, aus den tiefen Ozeanen der reinen, ungebrochenen Solofarbe. Meditation ist ihre Methode, Reinigung von Überlagerungen, Verwischungen und verlockenden Beiwerken das Ziel ihres Tuns.

Das Diffuse von Zwischenzonen macht sie nervös, die Destillation architektonischer Grundstrukturen beruhigt sie wieder. Die Welt ist für sie variable Wiederholung von Bauplänen, denen sie auf der Spur sind. Das Herausschälen solcher Grund- und Aufrisse aus dem Zufälligen bedeutet für die sogenannten Konstruktivisten und Minimalisten, - diese Frontkämpfer der klassischen Moderne - den Kern der Dinge zu entblößen, Ordnungssysteme sichtbar und fühlbar zu machen - über die Grenzen des einzelnen Kunstdisziplinen hinaus.

Veronika Erhart, meine Damen und Herren, hat sich mit mit ihrer radikalen Rückzugsstrategie auf das Wesentliche, nicht mehr Reduzierbare, auf dem Ast einer mächtigen kunstgeschichtlichen Tradition niedergelassen. Man könnte viele Namen, viele historische Strömungen nennen, denen die Verknappung der Mittel und das Mutiple gleichsam heilig waren.

Auch dieser Salzburger Künstlerin, einer hierzulande ziemlich einsamen Vertreterin dieser Art von entpersonalisierter, materialkarger Schönheit, steht das auf die Spitze getriebene formale Exempel der Vereinfachung, der maximalen Spannungserzeugung mit minimalsten Mitteln im Zentrum ihres Denkens und Tuns.

Ein künstlerischer Intellekt, der diversen Aspekten des Ästhetischen ganz auf den Grund geht, wird immer auf ein Basisvokabular stoßen, das von vielen belächelt, wenn nicht ganz übersehen werden wird. Anderen hingegen scheint die Auseinandersetzung mit den Grundprinzipien der Gestaltung als weise und unangreifbar. Veronika Erharts Arbeiten mögen auf den ersten Blick als pures Spiel mit Verschachtelungen und Schichtungen erscheinen.

Der zweite Blick führt dann hinein in die unauflöslichen Polaritäten menschlichen Schaffens. Was ist Malerei, was ist Skulptur, was Architektur. Indem Veronika Erhart Hüllen um Kerne faltet, Dreidimensionales ineinanderschiebt, Hartes mit Weichem, Farbiges mit Unfarbigem konfrontiert, indem sie Autolack mit feinen Folien, Industrieabfälle mit einer fast zum Schweigen gebrachten malerischen Handschrift kombiniert, stellt sie Fragen nach Räumen und Flächen, nach dem Dahinter und dem Davor, nach der Differenzen von Sichtbarem, Fühlbaren und nur Vermuteten - nach Faktizität und Illusion.

Wir leben in der Zeit der perfekten, abstoßend glatten Oberflächen. Ob banales Verbrauchsprodukt, gehypte Kunst oder massentaugliches Unterhaltungskino - alles unterwirft sich dem Diktat der digital ausgelöschten, entfremdeten, vorgetäuschten Restlebendigkeit. Veronika Erhart scheint dieser Welt anzugehören, aber in Wirklichkeit geht sie dagegen vor. Sie kostümiert sich als kühle Technologin. Was sie anbietet, streut jedoch Sand in die ästhetische Konsumationsmaschinerie. Ihre Arbeiten sind vielschichtig, nicht, weil sie Material verschränken und bündeln. Das ist ein materieller Aspekt. Aber sie haben auch Innenleben, das außen seine Spuren ahnen lässt. Energetische Wärme strahlt in Mikrodosen durch die Oberflächen. Das unterscheidet Veronika Erharts Aluzinationen vom vielem, was heute in dieser Richtung duch Kunsthallen und Galerien kursiert.

Dr. Anton Gugg

 

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