ELEMENTARVERWANDLUNGEN
Raum und Erde in den Arbeiten von Veronika Erhart
Der Versuch neuerlicher Raumvermessung beschäftigt heute viele KünstlerInnen. Es herrscht generelle Unsicherheit, auch was Grenzziehungen zwischen Innen und Außen und Ordnungen des Räumlichen durch strenge Perspektiven auf bestimmte Blickpunkte betrifft. Die klassischen Kunstkategorien wurden abgelöst von inkonsistenten Ersatzpraktiken wie dem Installativen, dem Performativen und dem Objekthaften - alles Ausprägungen der dominanten Grundvorstellung des Provisorischen.
Veronika Erhart hat sich ganz diesem akuten Problemfeld zugewendet und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit Bestimmung und Beschaffenheit von Raum und Material. Bei ihren zyklischen Testungen des Ineinandergreifens von Dreidimensionalität und Materialsprache hat sie alles Leichte und Spielerische zugunsten eines strikten Form/Stoff-Purismus angelegt. Waren früher anmutige Schwingungen und Knickungen von Metallelementen, Verschachtelungen orthogonaler Körper sowie der Reiz hochglänzender Farblackflächen signifikant für Erharts Arbeit, so ist es heute der Verzicht auf alles Luftige und Lichtreflektierende.
Veronika Erhart hat die helle Schwebezone schimmernder, ineinander verschränkter Kurven und Kuben verlassen und ist über verschieden geprägte Zwischenstufen auf der Erde angekommen. Glätte und Kälte sind dem Rauhen, Warmen und Erdigen gewichen. Erhart schneidet sozusagen dunkle Materie aus und bringt sie in die Vertikale. Was dann an der Wand hängt, ist doppeldeutige Landschaft. Der Betrachter blickt wie von oben auf Scholle und erstarrte Flüsse aus Vulkaninnerem. Oder er nimmt die Erde jenseits des Illusionismus als pure Substanz zur Kenntnis.
Ein Bild mit Restschwingungen des stimmungsvoll Landschaftlichen oder ein pures Objekt, das nicht assoziativ über sich hinausweist? Veronika Erharts Arbeiten sind Tastangebote zwischen den Sphären des Archaischen und Künstlichen. Die aufbrechenden Bildkrusten bestehen nicht aus fixiertem Naturmaterial, was durchaus praktikabel wäre. Die Stimme der Erde steigt durchdringender als es die Basis des "Echten" ermöglichte aus langwierigen Trocknungsprozessen eines besonders behandelten Kunststoffgranulats. Dieser offen liegenden fingierten Materialwahrheit antwortet das radikale, allerdings im Verborgenen liegende Gegenteil. Die Künstlerin baut ihre Bild/Objekte aus einer Vielzahl von gebrauchten Offsetplatten und Aluminiumblechen auf. Es entsteht ein äußerst konkreter, massiver Trägerblock, der nur an den Rändern und gelegentlichen Untiefen der Decksubstanz von seinem Entstehungsprozess erzählt. Die Konkretheit des Darunterliegenden, der "Objektkern" hat fast höheren Stellenwert als die variable, durch Zufall entstehende Oberflächenstruktur.
Veronika Erhart stellt Fragen, die kennzeichnend sind für die Epoche allgemeiner Destabilisierung. Was mühsam zu öffnen war, ist längst völlig aufgerissen. Die klassisch moderne und die zeitgenössische Kunst handeln von diesem allumfassenden Vorgang. Eine schmale Gegenbewegung versucht die Eindämmung des Verströmenden und die Rekonstruktion alter Sicherheiten wie Raum und Materie. Veronika Erharts beeindruckende Arbeitskonsequenz setzt einen Kontra-Imperativ. Ihre Bild/Objekte sind wie Rufzeichen gegen den Strom der Auflösung.
Dr. Anton Gugg