Wähle deine Worte weise! Der Versuch visualisierter Alliteration in den Werken von Veronika Erhart
Die in Salzburg geborene Künstlerin setzt sich schon seit frühen Jahren mit Kunst auseinander. Eigentlich ausgebildete Modedesignerin, hat sie schon sehr bald insbesondere die minimalistische und konzeptuelle Malerei interessiert. Die intensive Beschäftigung mit ihr ist in Erharts Werken deutlich sichtbar, ein eigener, autodidaktischer Weg nachvollziehbar, der sich in den letzten fünf Jahren intensiviert hat.
Kennzeichnend für viele ihrer Werke sind das Fehlen inhaltlicher Bezüge, ihre Reduktion auf einen Farbton, eine Form und einen sie unterstreichenden Bildgrund. Oft erschließt sich das Werk erst aus der Berücksichtigung der Schichten, der Bedeutung einzelner Lasuren und – wie in den 2003 entstandenen Folienobjekten und Paletten – aus der Kombination und Durchsichtigkeit des Malgrundes zum Bildträger. Insbesondere bei den Paletten scheinen die Pinselstriche gegenüber der Palettenbretter die Visualisierung einer Alliteration zu sein, welche durch die als Malgrund dienende Folie sichtbar sind.
Schichtungen, Verschlingungen, Ausbuchtungen in den Raum bleiben im Werk Veronika Erharts bis dato ein wichtiges Thema. Das Einbeziehen des Raumes erhält in ihren 2004 entstandenen „Hüllfrequenzen“ eine weitere Dimension: die akustische. Auf gewölbte Aluminiumplatten hat Erhart hier die einzelnen Sätze von Miguel Ángel Ruiz’ „Die vier Versprechen“ übertragen. Die Wölbung von 30 cm in den Raum ist so intensiv, dass die als Frequenzen verbildlichten Tonspuren scheinbar aus der Zweidimensionalität ausbrechen und wieder ihre ursprüngliche Form annehmen zu wollen scheinen. Die Hüllfrequenzen weisen somit zwar keine materielle Vielschichtigkeit auf, verlagern diese aber in symbolisch zu verstehende Bedeutungsschichten um. Es scheint, als habe die Künstlerin mit der Visualisierung dieser 1997 veröffentlichten „Wegweiser“ eine Interpretationsmöglichkeit ihres Werkes offeriert: „Wählen Sie Ihre Worte mit Bedacht und seien Sie untadelig mit ihrem Wort.“, „Nehmen Sie die Dinge nicht persönlich.“, „Ziehen sie keine voreiligen Schlüsse.“ und „Tun Sie immer Ihr Bestmögliches.“.
Ähnlich verhält es sich mit Veronika Erharts einzigen figuralen Position: Die Serie der „Kopfungen“ (2004/2005) sind gemalte Köpfe von Bekannten und Freunden auf Offsetplatten, mehrschichtig mit Japanspachtel aufgetragen. Der verschwimmende Grauton, die weißen Höhungen und die angedeuteten Konturen erwirken ein geisterhaftes Erscheinen, eine unheimliche Aura. Die 2004 entstandene Serie stellt keine schlafenden Köpfe dar, sondern vermittelt eine mystische Aufmerksamkeit, währen das 2005 entstandene Pendant schlafende Köpfe zeigt. Sie stellt somit Wach- und Schlafzustand gegenüber, wobei die Betrachterin dazu aufgerufen scheint, für sich zu überprüfen, welcher Zustand der tatsächlich wache und welcher der abwesende ist. Die Offsetplatten, deren vormaliger Gebrauch durch Stanzungen an den Kanten deutlich sichtbar ist, erweitern das Werk um eine „Geschichte“, Erinnerungen an vorher bereits erlebtes, das in den Köpfen der dargestellten Wesen möglicherweise präsent ist.
Dass die „Kopfungen“ lediglich als „Ausflug“ in die Figuration darzustellen scheinen, wird von der chronologisch folgenden Arbeitsserie unterstrichen: Wiederum sind es gebrauchte Offsetplatten, die mit Lack bemalt werden und mit dessen Schichten zu einer Einheit verschmelzen. Veronika Erhart versteht die übereinander gelegten Farbflächen als Landschaften. Einzelne Platten können immer wieder neu gruppiert werden. „Ich male keine Bäume und Blumen, obwohl ich ein Landschaftsimage benutze.“, sagte Brice Marden und scheint Veronika Erhart damit aus der Seele zu sprechen. Auch Ellsworth Kellys Bildkonstruktionen durch die Kombination von Farben und Formaten – seine „Shaped Canvases“ – sind in ihren Arbeiten spürbar. Somit versteht die Künstlerin ihre Werke nicht als Gemälde, sondern als Objekte, die zufällig an der Wand positioniert werden, in ihrer Weiterentwicklung aber von dieser ausgehend den Raum erobern und ihn schließlich als Installation durchdringen. In einer weiteren Serie überlagert sie in verwandten Farben lackierte und gewölbte Platten in vielen Schichten übereinander. Die unterschiedlichen Farbtöne sind lediglich an den Kanten erkennbar. So ragen die Wandobjekte in verschiedenen Höhen in den Raum, nehmen ihn in Anspruch saugen ihn förmlich an. Die Arbeiten bereiten seine Eroberung vor, je nach Hängung geschieht dies zögerlich oder forsch.
Die neueste Arbeit von Veronika Erhart ist eine Weiterentwicklung der Landschaften. Sie steigert die monochrome Wirkung ihrer minimalistischen Werke durch die Verwendung von Weiß und positioniert die nun sehr stark gewellten Aluminiumplatten als Installation im Raum.
Ihre intensive Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Wahrnehmung von Raum und seine Verknüpfung mit der Dimension der unsichtbaren Frequenzen scheinen somit in die Dreidimensionalität übersetzt worden zu sein, auch wenn die Wellen keine direkte Referenz zu den früher entstandenen Gemälden der Hüllfrequenzen darstellen. Die weißen Aluwellen bespielen den Raum, erweitern ihn um eine weitere Dimension, machen sichtbar, was der Mensch sonst nur mit dem Gehör wahrnehmen kann. Ähnlich den amerikanischen Vertretern des Minimalismus kehrt Veronika Erhart von einem Ausflug in den Polychromie zurück in die Monochromie, reduziert ihre Werke auf das absolut Nötige, um ihre Auseinandersetzung mit den Basiselementen der Wahrnehmung sichtbar zu machen.
Die Malerei wird zu einer Vermittlerin zwischen realer und mystischer Welt, zwischen rationaler Taktik und spirituellem Empfinden, ein roter Faden, der im Werk der Künstlerin bis zu ihrer jüngsten Installation nachverfolgt werden kann.
Mag. Tina A. Teufel, MAS