Veronika Erhart

 

Malerei als Objekt – Objekt als Malerei

Flächen, Formen, Teilungen und Farbfelder sind das bildnerische Vokabular von Veronika Erhart nicht nur in ihren neuen Arbeiten. Seit einem halben Jahrzehnt untersucht sie in ihren zwischen Objekt und Malerei angesiedelten Werken die Eigenschaften von aufgetragener Farbsubstanz, von Trägermaterialien, formuliert die Stellung von Formen zueinander immer wieder neu, erarbeitet neue Konfigurationen.

«Konfiguration» nannte Jean Arp seine Publikation mit poetischen Texten aus dem Jahr 1930. Was sich mit dem Titel der Gedichtsammlung assoziieren lässt, scheint zunächst eher nicht auf ein literarisches Format passend, erschließt sich aber ganz eindeutig in der Person des Autors. Arp ging es immer um das Zueinander von Formen, um das Verhältnis von Flächen und Objekten, um die Relation vom Einzelnen zum Ganzen. In seinen Collagen und geklebten oder gefalteten Papierarbeiten hat er die Leichtigkeit dieses Prinzips erarbeitet, das sich in den Holzschnitten, den überlagerten Relieftafeln, in den Zeichnungen und nicht zuletzt in seinen Skulpturen ablesen lässt. In seinen vom Surrealismus beeinflussten lyrischen Texten umreißt er ebenfalls die Sphären des Sichtbaren mit scherenschnittartigen Mitteln, setzt die „leeren räume in den marmornestern“ gegen die „geschlängelten wege“, gegen die „meergrünen spazierstöcke“ ab, beschreibt die Dinge der Welt und die Werke seines plastischen Schaffens mit seinen abstrakten Poesien 1).

Ein Grenzgänger zwischen den Medien der Kunst – Jean Arp hat schon früh ganz symptomatisch für sich den Begriff der Konfiguration als ein zentrales Element seines künstlerischen Schaffens gesetzt. Nicht einzuordnen bleibt Arp allemal: sein plastisches Arbeiten folgt den poetischen Streifzügen im Terrain des Fantastischen, seine literarischen Texte konkretisieren sich zu verbalen Abstraktionen, seine Malerei nimmt Anleihen bei der Dreidimensionalität des räumlichen Gestaltens und verdichtet sich zu schablonenhaften Projektionen.

Grenzgängerisch verhält sich auch Veronika Erhart in ihren neuen Arbeiten, die nicht ohne weiteres den üblichen künstlerischen Disziplinen von Skulptur und Malerei zugeordnet werden können: ihre planen Flächenteilungen auf industriegefertigten Platten sind mehr als Oberflächenlasuren, ihre gefalteten und geschichteten Reliefs sind anders zu betrachten als reine Wandobjekte, ihre metallenen Kuben sind nicht bloß abstrakte Farbkörper. Ihr geht es um die Verbindung von malerischem Gestus mit räumlicher Gestaltung. Veronika Erhart malt nicht auf Leinwand oder Papier, sie verwendet keine bildhauerischen Materialien wie Holz oder Stein –  ihr Werkstoff ist das industrielle Abfallprodukt der gebrauchten Offsetdruckplatte aus beschichtetem Metallblech. Wie ein Anachronismus in Zeiten der digitalen Printmedien und der entkörperlichten Information existieren diese steifen Kupfer-Chrom-Bögen in den standardisierten Maßverhältnissen von 30:50 cm oder 45:60 cm, die größten im Format 80:100 cm. Die Wiederverwendung dieser Grundmaterie stellt für Veronika Erhart den ersten Prozess der Selektion dar: die Formate, die vorgegebenen Standardgrößen, die immer gleiche Stärke der Platten und die zwischen mattem Überzug und metallischem Kern changierende Objektqualität ihres Grundstoffes ist die Basis ihrer Überlegungen. Teile und das Vielfache der Teile, das Ganze und Untermengen der Gesamtform sind die elementaren Voraussetzungen für ihre Gestaltungen; die neuen Arbeiten aus den letzten Monaten vor dem Jahreswechsel 2009/2010 sind ganz diesen Multiplikationen gewidmet. Die „Sentiments“ sind eine Gruppe von neuen reliefartigen Arbeiten, vielfach geschichtet und oben geknickt sind sie gleichsam unendlich erweiterbar, angehalten in einem potenziellen stets voranschreitenden Vorgang des Sich-Überlagerns und konkretisiert zu einem Tafelbild mit unzähligen dünn lasierten Lackschichten. Veronika Erhart arbeitet in altmeisterlicher Manier: langsam und sorgsam trägt sie Schicht für Schicht auf, zuunterst blau, braun, weiß, grau, darüber schwarze Lasuren, wässrig gezogen, Farbe abtragend und verwischend, Koloritreste freilegend. Die zum Schluss monochrom erscheinenden Faltungen sind das Ergebnis vieler Überarbeitungsprozesse und geben nur zögernd ihre Geheimnisse preis: zart lodert eine Ritze Blau hervor, glühend spürt man ein düsteres Rot durchleuchten. Die Epidermis der Oberfläche schließt das Objekt ab, fügt es zusammen und ist dennoch nur ein Teil des Gesamten.

Die „Cubes“, die im Lauf des letzten Jahres entstandenen Farb-Raum-Körper, sind eine prononcierte Variante des Schicht- und Faltprinzips, das den plastischen Mal-Arbeiten von Veronika Erhart zugrunde liegt. Um einen inneren Kern wird Aluminiumblech gefaltet wie Stanniolpapier um einen Raumwürfel – ein striktes bauhausähnliches Modell, in dem der silbernglänzende Innenkubus in einen schachtelartigen Überkubus gesteckt wird. Das Tafelbild hat seine Zweidimensionalität verloren, hat sich zu einem Farbkörper emanzipiert und tritt dem Betrachter pur und rein entgegen: reine Farbe, reines Objekt, reine Materie.

Die Suche nach Klarheit und Reinheit war für Jean Arp eines der wesentlichen Kriterien in einer gültigen Auffassung vom künstlerischen Tun und Leben: er beschreibt das Wirken seiner Frau, Sophie Taeuber-Arp, als ein „Beispiel ihrer klaren Arbeiten und ihres klaren Lebens“ auf dem rechten Weg, dem Weg zur Schönheit. „In dieser Welt besteht Oben und Unten, Helligkeit und Dunkelheit, Ewigkeit und Vergänglichkeit in vollendetem Gleichgewicht“ 2), eine Auffassung, der man auch in den Werken von Veronika Erhart nachspüren kann.

Dr. Margit Zuckriegl

 

1) Zu den Gedichten von Jean Arp: On My Way. The Documents of Modern Art, New York, 1948. „Abstrakte Poesie“ nannte die Galeristin Denise René einen Text über Arps plastisches Werk, in Arp. Museum Würth, Künzelsau, 1994

2) Jean Arp, So schloss sich der Kreis, in: On My Way, New York, 1948

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